Ach, mein Schatz…
wie schnell doch alles gekommen ist. Knieweich bewege ich mich durch den Tag, das Notprogramm läuft, mein Magen schmerzt und ich bin so dankbar für die viele Arbeit, die mich täglich derart fordert, dass ich kaum dazu komme, an dich zu denken. Oder an uns. Und dass es ein Uns nur mehr drei Wochen lang geben wird. 1000 leere Dinge gleichzeitig tun, um bloß das eine nicht tun zu müssen. So schiebe ich die ungeliebte Realität weg von mir, weit weg. Bis zum Abend. Da wartet sie dann auf mich, in unserer Wohnung, und da wartest du ja auf mich. Bonjour Tristesse. In unserem Cocoon, das wir so kunstvoll errichtet haben und das du heute nicht mehr willst, weil dir alles alt erscheint, schäbig, sanierungswürdig allenfalls. Sagst du. Wie unser Auto, das dir anfällig erscheint. Plötzlich. Und unsere Beziehung: ebenfalls stark sanierungsbedürftig.
Ja, ich weiß wohl, dass Distanz manchmal Nähe schaffen kann. Wenn du dann vielleicht merkst, wie sehr du den Anderen vermisst. Du brauchst mehr Raum, um das auszuleben, das du dir früher nie zugestanden hättest. Und du, die du über 30 Jahre im gleichen Bett geschlafen hast, willst nun ein Leben mit mir – und gleichzeitig ohne mich in getrennten Wohnungen? 20 Kilometer, 300 Höhenmeter und zwei Wohnungstüren zwischen uns? Mein Schatz, das mag wohl bei anderen funktionieren, doch nicht bei uns. Nicht mit mir. I am sorry, so sorry, but we fucked it up. You fucked it up. Du kennst mich doch so gut und daher wusstest du: meine Liebe erlaubt das nicht. Keine Treffen mit ihm, den ich auf den Tod nicht ertrage. Keine 20 Kilometer zwischen uns. Keine neuerlichen Lügen.
Ich spüre es, wie du dich darüber freust, deine neue Luxuswohnung mit neuen Dingen einzurichten, ein neues Auto anzuschaffen. Und deine Freude über all diese Oberflächlichkeiten betrübt mich so sehr, denn das, was ich spüre konterkariert das, was du sagst.
Glaube mir: ich liebe dich aus ganzem Herzen und habe keinen Zorn mehr auf dich, ärgere mich auch nicht mehr über deinen wiederholten Betrug, deine plumpen und mich so schmerzenden Lügen und deine Vorwürfe. Ich sehe all das Gute, das wir beide hatten und das andere nie im Leben auch nur ansatzweise erreichen können. So viele gute Jahre, so viel Qualität. Schön war’s mit dir, so schön. Selbst mein Zorn auf ihn verfliegt, obwohl er seine Spielchen mit mir spielt, wissend, dass ich der Verlierer bin und er der Gewinner ist.
Die Tränen sind geweint, der schale Geschmack bleibt zurück. Wie die Schulden, die wir nun haben. Doch sorge dich nicht, denn ich bin ja nun ganz ruhig. Nur mitten in der Nacht, noch lange bevor der Morgen zu grauen beginnt, erwache ich manchmal noch schweißgebadet und weiß dann, dass der üble Traum leider wahr ist.
Du hast deine Wahrheit, ich die meine. Wir sind die beiden Königskinder und haben einander so lieb, Noch immer. Wir können zusammen nicht kommen, das Wasser ist viel zu tief. Und keine Brücke weit und breit.